DSC_9804Nun ist mehr als ein Monat vergangen seit dem letzten Text, ein Monat, der mit vielen unterschiedlichen Eindrücken gefüllt war. Zunächst war ich Klettern. Während ich von Deutschland aus nichts über Felsklettern in Ladakh gefunden habe, habe ich hier dann doch recht schnell herausgefunden, dass es in der Nähe von Shey eine Kletterwand mit Bohrhaken gibt. Die Granitwaende wurden für die Armee für Trainingszwecke eingerichtet, sind aber frei zugänglich. Über Shara konnte ich den Kontakt zu Chospel, einem Reiseführer aus Leh, finden, der Felsklettern anbietet. Sein Wissen über Sicherungstechniken ist allerdings inzwischen über 20 Jahre alt und er hat nicht viel Übung, so dass er froh war, mit mir klettern und die aktuellen Sicherungstechniken lernen zu können. So sind Shara und ich also mit Chospel und einem Assistenten nach Shey an die Kletterwand gefahren. Das Klettern war fantastisch, die Kulisse mit dem grünen Industal und schneebedeckten Gipfeln im Hintergrund kann man wohl nirgendwo sonst bekommen. Shara hat mich wirklich überrascht, dafür, dass er praktisch keine Erfahrung im richtigen Felsklettern hat, ist er richtig gut! Das muss den Ladakhis wohl im Blut liegen. Leider wurde nachmittags der Wind so stark, dass wir nicht mehr weiterklettern konnten. Das Problem mit dem Wind ist hier in Ladakh, dass er einem mit aller Wucht den Sand ins Gesicht bläst, so dass man sich eigentlich nur abwenden und die Augen schließen kann. Meine Touren mit Shara nutze ich nun immer, um auf der ruhigen Strecke von Phey zum Campus das Motorrad zu fahren, was ich ohne Führerschein in Deutschland wohl nicht mehr machen werde.Am nächsten Tag war ich mit den indischen Freiwilligen, die zu der Zeit auf dem Campus waren, Rafting auf dem Zanskar. Während der Zanskar im Winter gefroren und der einzige Weg in die abgelegene Zanskar Region ist, ist er im Sommer der gefährlichste Fluss Indiens. Im Frühling ist er allerdings noch nicht mit so viel Schmelzwasser gefüllt und entsprechend noch relativ zahm. So hatten wir also immer kurze Episoden mit Wildwasser, Wellen und Aufregung, zwischendrin aber immer ruhige Partien mit Paddelei und Gebibber. Diese Zeit wussten wir uns aber auch zu vertreiben, in dem wir uns gegenseitig nassspritzten. Wärmer wurde uns dadurch aber auch nicht wirklich. In der letzten langen ruhigen Strecke hat unser Guide dann mit uns ein “Spiel” gespielt. Dieses bestand daraus, dass sich zwei Personen gegenüber auf den Rand des Rafts stellen, die Paddel in der Mitte verhaken und sich dann zurücklehnen. Das Ende der Geschichte ist dann – wenig überraschend – dass man früher oder später mit einem lauten Platscher und viel Gelächter ins Wasser fällt. Abgeschlossen haben wir den Tag dann mit einem Abendessen in Leh.DSC_9773

Nach dem Klettern haben wir von Chospel ein altes Kletterseil bekommen. Dieses haben wir dann am Campus am Abbruch zum Indus installiert, so dass die Schüler hier nun abseilen können. Die Wand dort besteht jedoch nur aus Lehm und losen Steinen, so dass wir dass Seil bald in einem Baum platziert haben, wo man zusätzlich vorher hochprussikt.

Außerdem habe ich den Computerkurs in der Governmental School in Phey, dem Nachbardorf, begonnen. Das erste Mal war hatte die Schule keinen Strom, also konnte ich nur theoretisch unterrichten. Das war aber trotzdem gut, weil ich so erstmal die ganzen verschiedenen Sachen auf der Tastatur und die Maus erklären konnte, so dass sie die grundlagen schon wissen, bevor sie an den Computer gehen. Die Schüler sind interessiert und sprechen auch besser Englisch, als ich erwartet hätte. Ich hatte zwei Klassen, eine 6. mit zwei Schülerinnen und eine 4. mit 8 Jungs und Mädchen. Das zweite Mal hat der Strom dann funktioniert, so dass ich mit ihnen die grundlegende Arbeit mit Word erarbeiten konnte. Danach habe ich den Computerkurs an einen indischen Freiwilligen abgegeben, weil ich eine Zeit lang etwas kränklich war. Nach dem Youth Camp werde ich wieder weitermachen, da freue ich mich drauf.

Als ich ein paar Tage später in Leh kurz mit einer Österreicherin gesprochen habe, habe ich überrascht festgestellt, dass mir das Deutschsprechen enorm schwergefallen ist. Nachdem ich die ganze Zeit mit dem Ladakhis neben mir Englisch gesprochen habe, habe ich Deutsch wie eine Fremdsprache gesprochen. Auch meine Gedanken sind inzwischen in Englisch. Wenn ich hier also komische Formulierungen benutze, wisst ihr nun warum.

DSC_9789Vor zwei Wochen bin ich dann endlich zu meinem ersten richtigen Trek aufgebrochen. Schon in Deutschland war mir auf der Karte eine Wanderroute aufgefallen, die von Nubra, einem großen Tal auf der anderen Seite der Ladakh-Gebirgskette über einen 5500m hohen Pass den ganzen Weg zurück zum Campus führt. Ursprünglich hatte ich geplant, die Wanderung mit Shara zu machen, dann hatte ich jedoch meinen ungeschickten Fahrradunfall und nun hat Shara über einen Monat seine acht Abschlussprüfungen vom College. Also bin ich morgens um 7 in Leh mit einem geteilten Taxi mit den Ladakhis nach Nubra aufgebrochen. Die Fahrt als solche ist schon ein Erlebnis, da sie über Khardung La führt, der mit etwa 5300m einer der höchsten befahrbaren Pässe ist. Wenn man dann ins Nubratal hinunterfährt, hat man einen wunderbaren Blick auf den Fluss, der breit mit vielen Kurven durch das mit Sand gefüllte Tal fließt. Von Deskjit aus bin ich dann losgelaufen. Die Schreibweise der ladakhischen Ortsnamen ist übrigens eine Sache für sich, da sich niemand ganz sicher zu sein scheint, wie man sie am besten in unserem Alphabet wiedergibt. So kann es passieren, dass man zwei Schilder mit komplett unterschiedlichen Schreibweisen direkt nebeneinander sieht. Deskjit, oder Diskit, oder wie auch immer hat eine riesige Buddha Statue, die ich allerdings nur aus der Ferne bewundert habe, weil ich es eilig hatte, loszukommen. Zunächst bin ich etwa sieben Kilometer von Deskjit nach Hundar, der Hauptstadt N(o)ubras, gelaufen. Dabei bin ich einem kleinen Weg gefolgt, der mich zu der exotischen Attraktion Nubras geführt hat. Zunächst bin ich zwischen richtige Sanddünen gekommen, zwischen denen ich dann auf einmal –keine Fatamorgana – Kamele entdeckt habe. Die Tiere haben in früher im Handel mit China zum Transport gedient, nun sind die wenigen übriggebliebenen Exemplare eine willkommene Touristenattraktion und lassen einen fühlen, als wäre man in der Sahara. Kurz darauf bin ich auf das Sand-Düne Festival gestoßen, das mit ladakhischen Tänzen und Musik sowie mit gutem Essen für Unterhaltung sorgt. Als ich mich in einem der Zelte mit Brot für die Wanderung ausstattete, sah ich, dass auch Chang verkauft wurde. Chang ist das ladakhische Bier. Es wird aus Gerste gebraut und hat den frischen Geschmack, den man von Federweisser kennt. Der Chang wurde nur in Literflaschen verkauft, netterweise wurde ich aber von ein paar ehemaligen Soldaten eingeladen, so dass ich den Chang probieren konnte und zusätzlich noch eine zwar etwas schwierige, aber nette Unterhaltung hatte. Nach einer halben Stunde auf einer asphaltierten Landstrasse habe ich dann endlich Hundar erreicht. Von Hundar selbst habe ich allerdings nicht viel gesehen, da die Häuser hinter lauter Bäumen versteckt waren. Nach einer Weile habe ich dann eine kleine Passage entlang eines Bächleins und Bäumen und Stupas gefunden, die zu dem Eingang des Tals zu Lasirmu La geführt hat. Auf der neuen Schotterstrasse bin ich, nun wieder motiviert in das enge, von Felswänden umschlossene Tal gestartet. Bald habe ich in der Wand rechts neben mir eine riesige Höhle entdeckt und den Rucksack abgelegt, um sie zu erkunden. Die Höhle, ein bestimmt 20 Meter hohes loch mitten in Wand, war allein wegen der Höhe schon ungemein beeindruckend, allerdings war sie nicht in solidem Fels, sondern in eigentlich losen Steinen, die nur von Lehm gehalten waren. Das Gefühl, dass jeden Moment einer dieser riesigen Felsbrocken auf meinen Kopf fallen könnte, zusammen mit den Tauben, die hin und her flatterten, erzeugte eine ziemlich beängstigende Atmosphäre. Nachdem ich dennoch bis zum Ende gelaufen bin, bin ich praktisch herausgerannt, um dem dunklen Loch zu entfliehen.

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Etwas höher im Tal bin ich dann auf ein altes, verlassenes Höhlenkloster gestoßen, zu denen ich hochgekraxelt bin. Das Kloster bestand aus vier kleinen Höhlen, die mit winzigen Löchern verbunden waren. Unterhalb des Klosters am Bach habe ich dann mein Zelt aufgeschlagen. Bevor es um 8 dunkel wurde, konnte ich gerade das Zelt aufbauen und das Feuer entzünden und genug Holz sammeln. Zu Abend gab es Reis und Linsen, gekocht über dem Feuer. Letztendlich habe ich nur über dem Feuer gekocht, in hehren Lagen dann mit trockenem Kuhdung, der überall auf dem Weg liegt. So habe ich meinen kleinen Gaskocher letztendlich gar nicht benutzt. An meinem kleinen Zelt hatte ich wirklich Freude, es ist nicht zu schwer und bietet mir und meiner Ausrüstung trotzdem komfortablen Platz. Am nächsten Morgen haben ich dann den kalten Rest vom Abendessen gehabt, was kein Genuss war, aber ich wollte den Kocher nicht benutzen und ein Feuer zu machen, hätte zu lange gebraucht. Nach zwei Stunden schnellem Laufen auf der Strasse habe ich dann Hunderdog, das einzige Dorf im Tal, erreicht. Als ich mich bei einer Abi-le (Großmutter) am Ortseingang vergewisserte, dass ich richtig bin, wurde ich sogleich zu Chai und Cookies eingeladen. Sie sprach zwar genauso wenig Englisch wie ich Ladakhi, aber dennoch verstand sie, dass ich über Lasirmu La will und ich verstand, dass sie der Überzeugung war, dass das eine dumme Idee sei (Lasirmu La? Man-le, Man-le, Man-le!!!). Naja, noch wollte ich mich nicht entmutigen lassen, und im Zweifelsfall hatte ich mehr als genug Essen, um auch wieder zurücklaufen zu können. Also bin ich mit nun müden Beinen wieder aufgebrochen. Als ich mehr oder weniger ohne Weg durch die Felder unterhalb des Dorfes gelaufen bin, kamen zwei Jungs in Schuluniform zu mir heruntergerannt und empfingen mich freudig lachend. Wie sich herausstellte, waren sie die einzigen Schüler, mit einem Schüler-Lehrer Schlüssel von eins zu eins. Auch sie meinten, dass auf dem Pass much s(o)now sei, und ich antwortete ihnen, dass ich sie dann halt wieder treffe. Den Weg zwischen den Feldern aus dem Dorf herauszufinden, wurde am Ende richtig kompliziert, aber letztendlich habe ich auch das geschafft und etwas oberhalb meine Mittagspause eingelegt. Als ich mich hinsetze, übersah ich ein scheinbar harmloses Grasbüschel und musste mich nach diesem schmerzhaften Fehler erstmal von den Stacheln befreien, bevor ich mich Brot und Käse zuwenden konnte. Als ich wieder aufbrach war das Tal nach einiger Zeit mit lauter kleinen Hügeln gefüllt, zwischen denen ich nahe am Bach eine kleine ebene Fläche fand, wo ich mein Zelt aufschlagen konnte. Hier war ich für mein Feuerchen dann auf trockene Sträucher und Kuhdung angewiesen, was das Kochen nicht gerade beschleunigte. Allerdings habe ich mir von einem Lagerplatz auf dem Weg eine gute Technik abgeguckt. Anstatt einem richtigen Feuerplatz habe ich nur drei gleich große Steine genommen, zwischen denen ich in einer kleinen Kuhle das Feuer gemacht habe, dass ich dann unter dem Topf von der Seite mit kleinen Ästen und mehr Kuhdung füttern konnte.

Am Nächsten Morgen bin ich dann schnell aus den Hügelein herausgekommen und fand mich in einem wunderbarem breiten Tal mit mehr und weniger trockenem Morastboden und einem breit mäanderndem Bach, zwischen friedlich grasenden Yaks und von Schneebedeckten Gipfeln umgeben, wieder.

DSC_9558Das Laufen ging in dieser wunderbaren Umgebung so gut voran, dass ich die beiden Tierhalter, die auf einem Hügel links neben mir saßen, fast übersehen hätte. Erst nach zwei Pfeiffern entdeckte ich sie und kam zu ihnen hoch. Einer von ihnen spann Wolle mit einer einfachen Handspindel, der andere kam aus Nepal und sprach erstaunlich gut Englisch. Von ihm hörte ich endlich, dass der Pass kein Problem ist und ich einfach nur gerade hochlaufen soll. Außerdem bestätigte er mir, was ich die ganze Zeit gehofft hatte, nämlich dass ich der Erste sein würde, der den Pass dieses Jahr überschreitet. Also bin ich motiviert weitergelaufen, in dem Wissen, dass es zum Lasirmu Basecamp, der letzten Zeltmöglichkeit vor dem Pass auf knapp 5000m, nicht mehr weit sein kann. Als ich um vier dort angekommen bin hatte ich schon Kopfschmerzen, so dass ich direkt das Zelt aufgebaut und mich darin verkrochen habe. Nach ein paar Seiten Lesen und langem Wachliegen bin ich dann zu einem sehr unruhigen Schlaf übergegangen, aus dem ich immer wieder aufgewacht und von den Kopfschmerzen vom Wiedereinschlafen gehindert worden bin. Um drei Uhr nachts habe ich dann beschlossen, lieber einen Ruhetag einzulegen. Als ich am nächsten Morgen aufgewacht bin, stellte ich fest, dass das Wasser in der Flasche neben mir im Zelt gefroren war. In der Wegbeschreibung, die Shara mir mitgegeben hatte, hatte er notiert, dass es im Basecamp ‚a little bit cold‘ sein würde, für bestimmt minus sieben Grad war das eine nette Beschreibung. Dennoch habe ich nicht gefroren, da ich mit all meinen Kleidern in den Schlafsack gekrochen bin. Nach dem letzten Aufwachen für diese Nacht habe ich dann wieder nach dem Buch gegriffen und bin erst aus dem Zelt gekrochen, als ich die Quelle eines andauernden Pfeifens bestimmen wollte. So bot sich mir die Sicht auf ein Murmeltier im Balztanz, dass sich abwechselnd auf die Hinterpfoten erhob und sich wieder auf den Boden duckte. Es blieb allerdings alleine und als ich mich mit der Kamera etwas näher an seinem Loch wartend hinsetzte, ließ es auch mich allein und tauchte nicht wieder auf. So konnte ich dann aber das Panorama in vollen Zügen genießen. Der Zeltplatz war direkt an der Schneegrenze, mit voller Sicht auf den Pass und die Schneebedeckten Gipfel. Auch die Sicht das Tal hinunter war grandios. Das Auge konnte dem Bach durch die flachen Grasflächen folgen und dann am Ende des Tals auf neue, felsige Riesen stoßen, die nur ab und zu aus den Wolken auftauchten. Ich bin dann aber schnell wieder ins Zelt zu meinem Buch zurück, wo es abwechselnd zu heiß und wieder kalt war, je nachdem, ob die Sonne sich zeigte oder hinter Wolken versteckte. Um vier Uhr habe ich mich dann dazu zusammengerissen, endlich etwas zu Essen. An dem Brot hatte ich keine Freude und ich hatte mir ja vorgenommen, den Gaskocher nicht zu benutzen.

So habe ich mir, nachdem die Feuerstelle aus fotografischen Gründen ihren Platz wechseln musste, wieder aus Ästen, die ich vom letzten Lagerplatz hochgebracht hatte, ein kleines Feuer entfacht. Über dem habe ich dann den Kuhdung zum Brennen und Glühen gebracht und mir ein Süppchen gekocht. Der Topf, vorher blankes Aluminium, war nun von außen mit einer dicken Russschicht umgeben. Wieder im Campus angekommen, musste ich ihn für eine halbe Stunde schrubben, bevor ich ihn Becky zurückgeben konnte.

DSC_9533Die Nacht habe ich wieder nicht viel geschlafen, erstmal habe ich bestimmt drei Stunden wach gelegen. Dennoch musste ich am nächsten morgen früh aufbrechen, um auf dem Schnee laufen zu können, solange er noch nicht von der Sonne aufgeweicht sein würde. Statt wie geplant um vier bin ich aber erst um 6 aufgewacht und konnte dann um viertel vor 7 loslaufen. Als Frühstück diente mir eine Packung Kekse, die ich im Laufen verzehrte. Das machte das in der Höhe sowieso schon erschwerte Atmen nicht gerade leichter, ist aber, wenn man eigentlich gar nicht hungrig ist, eine gute Lösung. So habe ich also meinen anstrengenden Weg über den Schnee zum Pass gefunden, den ich um 9 Uhr nach 7 Kilometern Strecke und 500 Höhenmetern erreicht habe. Der Schnee war glücklicherweise durchgängig so fest gefroren, dass ich einfach auf ihm laufen konnte. Chospel war zu der Zeit auf Stok Kangri, einem eigentlich einfachen 6oooer. Er erzahlte mir ein paar Tage später, dass er für die Gipfelbesteigung 20 Stunden brauchte, weil er durch den losen Schnee spuren musste. Nachdem ich auf dem Pass einen kleinen Steinturm hinterlassen und ein paar Fotos gemacht habe, habe ich auf der anderen Seite den Abstieg begonnen. Während es beim Aufstieg nie richtig steil wurde, war ich nun um den vereisten Schnee doppelt froh, da der Hang nun so steil war, dass er sonst hochgradig Lawinengefährdet gewesen wäre. Das Tal hinunter musste ich dann erstmal noch lange auf Schnee laufen, so dass ich mich schon daran gewöhnte, dass ab und zu ein Fuß einbrach. Der Schnee hatte allerdings den Vorteil, dass er auch Tatzenabdrücke erhielt, von denen ich mir sicher bin, dass sie von einem Schneeleoparden stammen. Je weiter ich hinunterkam, desto grüner wurde es, und bald stieß ich wieder auf Yaks. Während die Yaks bei Hunderdog so klein waren, dass ich überlegte, ob sie nicht ladakhische Kühe sein könnten, waren diese wirklich riesig. So beängstigend sie auch wirkten, zumindest gingen sie mir brav aus dem Weg. Bald erreichte ich Muroboks, ein kleines, idyllisches Dorf, das von grünen halbkreisförmigen Terassenfeldern umgeben ist. Als ich fragt, ob ich hier in Muroboks sei, wurde ich gleich zu Tee eingeladen. So langsam gewöhne ich mich sogar an den Buttertee. Dieser ist im Prinzip schwarzer Tee mit Salz Butter. Zudem wurde ich großzügig mit Lapo und Puri versogt. Lapo ist wie ein Zwischending aus Joghurt und Käse, das man mit Zucker und Tsampa, geröstetem Gerstenmehl isst. Puri hingegen ist indisch und im Prinzip flaches frittiertes Brot. Mit dem Sohn der Familie, Thinles, der nun Soldat in Delhi ist, habe ich mich nett unterhalten. Er hat mir viele ladakhische Wörter beigebracht, allerdings kann ich mir das Meiste nicht behalten. Nachdem ich mich für die erfrischende Pause bedankt habe, bin ich wieder aufgebrochen. Nach über drei Stunden ununterbrochenem und gegen Ende ziemlich ermüdendem Laufen auf der Asphaltstrasse erreichte ich schließlich wieder den Secmol Campus. Nach insgesamt 36 Kilometer Strecke und 2700 Höhenmetern war ich nicht nur erschöpft, zudem konnte ich am nächsten Tag kaum die Beine ausstrecken. Dennoch und obwohl ich mich teilweise recht einsam gefühlt habe, war die Wanderung wirklich eine beeindruckende Erfahrung.

Ein Bild vom Photoworkshop

Ein Bild vom Photoworkshop

Der nächste Tag begann jedoch mit einer unangenehmen Überraschung. Während meinem Treck war eine Gruppe von einer Universität aus Abu Dhabi für einen Workshop im Campus. Ein Mädchen aus der Gruppe, eine 28 Jährige Amerikanerin, die chronisch depressiv war, war jeden Morgen auf Mount Secmol hochgelaufen und nach einer Stunde wiedergekehrt. Auch an diesem Morgen war sie um 7 Uhr morgens aufgebrochen, jedoch nicht wiedergekehrt. Aufgrund ihrer Depression gingen wir zunächst davon aus, dass sie irgendwie durchgedreht und weitergelaufen oder per Anhalter irgendwo hin gefahren ist. Nachdem eine Gruppe erfolglos Mount Secmol abgesucht hatte, sind wir dennoch zu dem geplanten Ausflug nach Likir und Alchi aufgebrochen. Der Ausflug war wirklich schön, es war ein sommerlich heißer Tag und beides sind wirklich schöne Plätze. Likir hat ein großes Kloster mit schönen Tempeln, einem kleinen, aber interessanten Museum (das unter alten ladakhischen Utensilien auch Fossilien aus Deutschland hatte) auch eine große und grell bemalte Buddhastatue zu bieten.

Alchi hingegen war ein großes Dorf mit vielen Bäumen, in dessen Mitte die Tempel lose verstreut waren. Von außen unspektakulär, boten die Tempel von innen einen ganz neuen Eindruck. Die Wandmalereien stellten nicht wie in den anderen Tempeln in grellen Farben gemalt Szenen und große Buddhas dar, sondern waren fast Tapetenmäßig über und über mit kleinen Buddhas in eher dunklen Farben gefüllt. Danach sind haben wir noch einen kurzen Abstecher zu dem Alchi Stausee gemacht. Auf dem Treck und bei diesem Ausflug habe ich mit der Hasselblad analog fotografiert. Diese Bilder gibt es also wohl erst, wenn ich wieder in Deutschland bin, Pardon.

Als wir abends zurückkamen, war die Amerikanerin immer noch nicht zurückgekommen. Am nächsten Morgen sind dann die Schüler in verschiedenen Suchtrupps aufgebrochen und haben das Gelände durchkämmt.

Ich bin mit Yasin und Nourboo, zwei von den Foundation Students, auf die andere Seite des Indus gegangen, um Mount Secmol aus einer anderen Perspektive betrachten zu können. Nachdem wir nichts gefunden hatten, sind wir sogar mit einem Truck ein Stück mitgefahren und dann bis nach Rumchung gelaufen, dem Dorf, zu dem ich meinen ersten kleinen Treck gemacht hatte. Doch als wir dort nach einer Amerikanerin fragten hatte keiner etwas gesehen oder gehört, also sind wir ohne Erfolg zum Campus zurückgekehrt. Auch die anderen waren und blieben erfolglos, und so war über die nächsten sechs Tage die Polizei eine ständige Erscheinung hier. Zwei Tage darauf bin ich wieder mit Shara und Chospel nach Shey klettern gefahren. Diesmal war es fast unerträglich heiß. Trotzdem hat jeder ein paar Routen gemacht und ich habe die Beiden ans Vorstiegklettern herangeführt. Shara hat mich wirklich überrascht, er klettert richtig gut, obwohl er kaum Übung im richtigen Felsklettern hat. Nachdem ich ihnen im Schatten die modernen Standplatzbautechniken gezeigt habe, sind wir weiter nach Shey gefahren. Dort hat Chospel ein paar Felsen entdeckt, die er mit Haken versehen und als Kletterwände einrichten will. Er bat mich, einen  Blick auf die Wand zu werfen und sie ist zwar niedrig und nicht ganz steil, aber für Touristen schwer genug und in einer fantastischen Lage direkt am Indus. Chospel versucht nun, eine passende Bohrmaschine zu organisieren, dann können wir und daran machen, die Kletterwand einzurichten. Zudem will er eine kleine Kletterhalle einrichten.

Am nächsten Tag bin ich dann mit Scott, dem Betreuer der Gruppe aus Abu Dhabi, der in Ladakh geblieben ist und Stanzin Kardung, einem der älteren Campus Schüler zu der Mündung des Zanskars in den Indus gehitchhiked und am Fluss entlang zurück gewandert, um nach Spuren von der vermissten Amerikanerin zu suchen. Die 15 Kilometer durch den komplett abgeschlossenen Canyon waren an sich eine ziemlich schöne Strecke allerdings war die Hitze ziemlich erschöpfend.

DSC_9544Am Tag darauf begann das Youth Camp auf dem Campus. Secmol organisiert regelmäßig einwöchige Camps für verschiedene Zielgruppen und Themen. Dieses Camp richtet sich and Ladakhis, die außerhalb von Ladakh studieren und hat das Thema ,Green Leaders‘. So sind nun also 25 College Schüler hier, die verschiedene Workshops und Reden über Ökologische Themen, Führungsfähigkeiten, und grüne Social Business Ideen haben. Wir Freiwilligen machen eine Session täglich, in der wir einen Dokumentarfilm zeigen, den wir dann in kleinen Gruppen oder mit einer richtigen Debatte nacharbeiten. Das Youth Camp hatte allerdings einen traurigen Start, als die Polizei am ersten Tag die Leiche der Amerikanerin fand. Sie war die ganze Zeit in einer versteckten Rinne im Hang von Mount Secmol gelegen, aus der sie dann geborgen wurde. Sie hatte wohl ein Loch im Kopf und alle Rippen gebrochen, so dass sie wohl den ganzen Weg vom Gipfel hinuntergestürzt sein muss. Wie das passiert sein kann, kann keiner wirklich erklären, wenn man auf dem Weg bleibt, kann eigentlich praktisch nichts passieren. Das Leben auf dem Campus hat sich nach dem Schock aber relativ schnell wieder normalisiert, auch ich hatte sie eigentlich kaum gekannt.

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Der Austausch mit den Collegeschülern ist interessant, und da einer von ihnen und ein indischer Freiwilliger ihre Gitarren mitgebracht haben, sind die Räume nun fast dauerhaft mit dem – teilweise etwas chaotischen – Klang von vier Gitarren erfüllt. Heute Nachmittag war ich mit Natty und Dhiman, den beiden Freiwilligen aus Delhi, die für einen Monat hier sind, am Indus. Auf einer kleinen Halbinsel dort haben wir ein kleines Steintor errichtet, was erstaunlich gut geklappt hat. Nun hoffe ich, dass es lange genug hält, dass wir den Blick auf das Steintor genießen können, wie es als einziges aus dem sonst überflutetem Ufer herausschaut. Mal sehen, was die Zukunft bringt!

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